Himmelsrichtung - spirituelle Geschichten, Inspirationen und Wegweiser

Kurzgeschichten

Funkeln der Nacht

Thema: Sorgen loslassen

Sorgen erdrücken mich und meinen Schlaf. Irgendwann höre ich auf, meine Schlafzimmerdecke anzustarren und stehe auf. Die innere Unruhe nimmt mir die Luft zum Atmen und zwingt mich zur Flucht auf die Terrasse.

Die kühle, stille Nacht hat etwas Erholsames und sogar meine schreienden Gedanken schweigen für einen Moment. Ich bemerke die Katze eines Nachbarn, die keinen Respekt vor meiner Zauneingrenzung hat. Vorwurfsvoll funkelt sie mich an, weil ich es wage, sie bei einer wichtigen Tätigkeit zu stören.

„Gschhh“, mache ich, doch die Schwere in mir lässt nur einen kläglichen Ton zu, den die Katze nicht als bedrohlich empfindet und mich deshalb ignoriert.

„Auch egal“, denke ich, schließe meine Augen und sauge die saubere Luft ein, als wäre ich eine Ertrinkende nach einem Schiffbruch. Ich hebe dazu den Kopf und als ich die Augen wieder öffne, blicke ich in den schwarzen Himmel, den Tausende von Sternen verzieren und dessen Schönheit mich bisher noch nie so überwältigt hat wie in diesem Moment.

„Könntest du mir doch meine Probleme abnehmen“, hauche ich und der kindliche Gedanke, dass alle Sterne Menschensorgen wären, lässt mich einen flüchtigen Augenblick über mich selbst schmunzeln.

„Ist denn im Universum noch genug Platz für meine?“, frage ich dann leise. „Kannst du die auch noch aufnehmen?“

Das Schweigen des Himmels werte ich als Zustimmung und stelle mir vor, ihm all meine Probleme abzugeben. Eines nach dem anderen steigt in die Höhe und tatsächlich fühlt sich mein Körper bald leichter an. Ich bilde mir ein, dass der Himmel nun, da er mehr Sterne hat, noch stärker funkelt und fühle mich gleichzeitig so frei wie schon lange nicht mehr. Natürlich ist mir bewusst, dass meine Probleme dadurch nicht weniger sind – obwohl … - eigentlich doch, denn das größte aller Hindernisse war wahrscheinlich, dass ich meine Sorgen stets wie eine schwere Last mit mir getragen habe und dieses erdrückende Gefühl machte es kaum möglich, Lösungen zu finden.

Ich hauche ein „Dankeschön“ in die Nacht und bemerke wieder die Katze, die alles regungslos beobachtet hat. Auf einmal kommt mir ihr Funkeln nicht mehr drohend, sondern mitfühlend vor.

„Hallo“, flüstere ich ihr zu und als ob sie nur auf ein freundliches Wort gewartet hätte, kommt sie auf mich zu und gestattet mir, sie eine Weile zu kraulen.

© Danny Lupp / www.himmelsrichtung.net

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Lebensweg

Thema: das Glück ins Leben lassen

Lukas geht seines Weges, als er dem Kummer begegnet.

„Du kommst mir bekannt vor“, sagt er und der Kummer nickt zustimmend.

„Na, dann komm. Begleite mich“, entscheidet Lukas, hakt sich beim Kummer unter und die beiden marschieren gemeinsam weiter.

Ein paar Schritte weiter begegnet ihm der Zorn.

„Du kommst mir auch bekannt vor“, sagt er und der Zorn nickt zustimmend.

„Komm. Begleite uns“, meint Lukas und hakt sich mit dem anderen Arm beim Zorn unter.

Eine kurze Wegstrecke weiter trifft er wieder auf jemanden.

„Wer bist du?“, fragt Lukas. „Dich kenne ich nicht.“

„Doch“, antwortet der Unbekannte. „Ich komme immer wieder auf dich zu und frage dich, ob du mit mir deinen Lebensweg fortsetzen willst, aber du lehnst immer ab.“

„Wirklich?“, fragt Lukas erstaunt. „Dann musst du ja ganz furchtbar sein.“

 Der Unbekannte lächelt und sagt: „Ich bin das wahre Glück.“

„Aber natürlich kenne ich das Glück!“, ruft Lukas erfreut aus. „Das Glück ist mir immer willkommen. Aber du bist es nicht.“

„Du verwechselst mich mit dem kurzfristigen Glück“, erklärt ihm das wahre Glück. „Das geht ein paar Schritte mit dir und verlässt dich wieder. Aber ich bleibe für immer.“

Lukas strahlt: „Na, dann komm. Wieso sollte ich dich denn ablehnen?“

„Weil du dann die beiden loslassen musst“, sagt das wahre Glück und zeigt auf den Kummer und den Zorn.

„Ach so“, meint Lukas und denkt nach. Er ist unschlüssig. „Aber die beiden sind mir so vertraut. Wir sind schon so viele Wege zusammen gegangen.“ Er zieht die zwei noch näher an sich heran.

„Ich weiß“, entgegnet das wahre Glück. „Das sagst du jedes Mal, wenn ich zu dir komme.“

„Der Kummer war immer für mich da, wenn etwas Schlimmes in meinem Leben passiert ist und ich traurig war und der Zorn war immer da, wenn etwas Unfaires in meinem Leben geschehen ist und ich wütend war.“

„Das werden sie auch weiterhin“, entgegnet das wahre Glück. „Aber wenn ich mit dir gehe, werden die beiden deinen Weg nur noch kurz kreuzen und du wirst zu ihnen sagen: „Wer bist du? Dich kenne ich nicht.“

Lukas blickt ratlos von einem zum anderen.

„Doch falls du sie zurück haben möchtest“, fährt das Glück fort. „Dann brauchst du nur mich loszulassen und den Kummer und den Zorn wieder in dein Leben zu bitten. Aber wenn du erst einen Schritt mit mir gemacht hast, wirst du das nicht mehr wollen.“

Lukas denkt nach, versucht, sich sein Leben ohne Kummer und Zorn vorzustellen, doch das schafft er nicht. Zu lange haben sie ihm Gesellschaft geleistet. Selbst, wenn er sie nicht gespürt hat, waren sie da. Sie sind wie treue Freunde, die er nicht so einfach aufgeben kann.

„In Ordnung“, meint das wahre Glück nun. „Ich verlasse dich wieder, aber ich werde dich erneut fragen, ob du meine Begleitung in deinem Leben möchtest. Immer und immer wieder werde ich dich aufsuchen. Und irgendwann wirst du bereit sein, Kummer und Zorn loszulassen und dann bleibe ich bei dir.“

 

© Danny Lupp / www.himmelsrichtung.net

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Reue

Thema: Reue

Verena hält die kleine, zittrige Hand ihrer Großmutter. Die junge Frau ahnt bereits, dass diese vertraute Zweisamkeit bald ein Ende haben wird.

„Weißt du“, haucht die alte Dame. „Ich habe viele in unserer Familie und auch Freunde sterben sehen. Sie alle haben etwas bereut.“

Verena schnürt es ein wenig den Hals zu. Es ist ihr unangenehm, so offen über das Ende des Lebens zu sprechen. „Bereust du auch etwas, Oma?“, fragt sie nach ein paar stillen Augenblicken.

„Das tu ich“, antwortet die Großmutter. „Ich habe viel auf andere gehört, aber manchmal hab ich einfach das getan, was ich für richtig gehalten habe. Auch, wenn andere dagegen waren. Meine Eltern, mein Mann, meine Kinder waren deshalb manchmal wütend auf mich. Aber das tut mir nicht leid.“

Die alte Frau macht eine kurze Pause und ihre Enkelin stört sie dabei nicht.

Dann fährt sie fort: „Ich habe mich sehr viel um meine Familie gekümmert. Oft versucht, es allen recht zu machen und gut für sie zu sorgen. Aber manchmal habe ich mich auch einfach nur um mich gekümmert. Das habe ich gebraucht, um weiterhin eine gute Tochter, eine liebevolle Ehefrau und eine geduldige Mutter sein zu können. Meine Eltern, mein Mann, meine Kinder waren deshalb manchmal wütend auf mich. Auch das tut mir nicht leid.“ Die Oma schweigt wieder.

Die junge Frau wartet einen Moment, ob ihre Großmutter noch etwas zu sagen hat, doch nach einer längeren Pause fragt sie: „Was tut dir dann leid, Oma?“

Die alte Dame sieht Verena direkt an und entgegnet: „Dass mir erst jetzt klar wird, dass mir das alles wirklich nicht leid tun muss.“

© Danny Lupp / www.himmelsrichtung.net

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Ein unterschiedlich gleicher Tag

Thema: Blickwinkel

René wacht morgens durch das lästige Schrillen des Weckers auf, musikalisch begleitet vom Gurren der fliegenden Ratten, genannt Tauben, vor seinem Fenster. Sein erster Gedanke ist „Ich will noch nicht aufstehen“, als ihm einfällt, dass heute sogar ein besonderer Tag ist und er leise brummt: „Der erste Tag in einem neuen Büro.“ Zwanghaft freundliches Händeschütteln und eine langweilige Arbeit, verpackt in schwungvollen Optimismus des Einschulers, der bereits eine Gehirnwäsche hinter sich hat und deshalb tatsächlich glaubt, dass er in der besten Firma der Welt arbeitet.

René verdreht die Augen, gleich nachdem er sie geöffnet hat, dann streckt er sich kurz und versucht, geräuschlos aufzustehen, um seine Freundin nicht zu wecken. Sie würde ihn nur nerven mit ihrer Zuversicht, dass es ihm diesmal sicher besser gefallen wird an seinem neuen Arbeitsplatz. Das könnte vielleicht sogar zu Streit führen und das will er unbedingt vermeiden, obwohl es wahrscheinlich keinen Unterschied machen würde. Sie ist viel zu hübsch für ihn, sie wird ihn ohnehin bald verlassen.

Und er weiß, dass es in der neuen Firma genauso ablaufen wird, weil er es schon mehrmals erlebt hat.

In der Küche merkt er, dass kein Kaffee mehr da ist und schimpft. Mittlerweile ist er richtig wütend, zieht sich rasch und fluchend an, weil er jetzt noch schnell ins Kaffeehaus muss, um den Tag irgendwie zu überstehen. Dieser Umweg nervt ihn sehr und er ist sich sicher, dass es nur genauso weitergehen kann: Eine Plage!

 

Sascha erwacht durch das sanfte Geräusch des Weckers, der sein Lieblingslied spielt. Die Vögel vorm Fenster singen im Kanon dazu und er denkt: „Frühling! Wie schön!“ Dann erinnert er sich, dass heute sein erster Arbeitstag in einer neuen Firma ist. „Wie aufregend!“, schießt es ihm durch den Kopf, während er so leise wie möglich aus dem Bett schlüpft. Er möchte seine Freundin nicht wecken. Sie muss erst in einer Stunde aufstehen und kann bestimmt nicht mehr einschlafen, wenn sie jetzt aufwacht. Zärtlich sieht er sie an und lächelt. Sie ist so hübsch, sie hätte jeden haben können. Doch sie hat sich für ihn entschieden und für dieses Wunder ist er täglich dankbar.

Er freut sich schon richtig auf die neue Arbeit und die Menschen, die er heute kennenlernen wird. Und sollte es ihm dort doch zu langweilig sein, dann wird er sich einfach wieder nach was Anderem umsehen. Trotzdem hat er dabei eine neue Erfahrung gemacht und sicherlich einiges daraus gelernt.

In der Küche bemerkt er, dass der Kaffee aus ist. Wenn er sich beeilt, hat er noch Zeit, sich eine Melange im Kaffeehaus zu gönnen. Ja, das wird er machen. Das ist der perfekte Einstieg für einen wunderbaren Tag, denn er ist sich sicher, dass es genauso weitergehen wird: Eine Freude!

 

© Danny Lupp / www.himmelsrichtung.net

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Verpasste Momente         

Thema: Jetzt

Der Sommer ist vorbei. Wieder viel zu schnell. Du bist ein wenig wehmütig, oder?

Doch wo warst du? Hast du ihn miterlebt oder verpasst?

Warst du nicht öfter im Gestern? Hast dir Gedanken über das gemacht, was du getan hast, dich gefragt, was du hättest anders machen können? Eingetaucht bist du in vergangene Gefühle, hast den Frust gespürt, die Wut und Traurigkeit, die bereits verblasst waren. Stimmt doch, oder?

Und dann hast du auch viel Zeit im Morgen verbracht. Hast dir Sorgen gemacht über etwas, das bisher gar nicht eingetreten ist. Gedanken darüber, wie du Situationen begegnen kannst, die vielleicht auf dich zukommen, haben dich immer wieder abgelenkt.

Wovon, fragst du? Na, vom Jetzt. Wie viel Zeit hast du tatsächlich in diesem Sommer verbracht? Hast das Gestern ruhen und das Morgen ungewiss sein lassen? Wie oft hast du einfach nur die Einzigartigkeit des Heute gespürt?

Du hast? Wann? Ach ja, du hast dich einmal abends auf die Terrasse gesetzt und die Abkühlung nach einem heißen Tag genossen. Ja, stimmt – das hast du getan! Zwei Atemzüge, in denen du dich lebendig gefühlt hast im Nichtstun. Dann hast du überlegt, was du als nächstes tun solltest.

Richtig, einmal hast du dein Lieblingslied im Radio gehört und dazu getanzt. Wie viele Takte waren es, bis dir eingefallen ist, dass du noch einen Anruf machen wolltest? Hätte der nicht bis zum Ende des Liedes warten können?

Und dann hast du dich mit Freunden getroffen. Den Augenblick konntest du genießen - während des Anstoßens der Gläser. Beim ersten Schluck hast du bereits gegrübelt, wann ihr euch zuletzt gesehen habt und befürchtet, dass es vielleicht noch seltener wird.

Das waren deine besonderen Momente in diesem Sommer.

Ach, sei ehrlich. Wie oft bist du der Zukunft sogar regelrecht hinterher gehetzt?

Du musst dir Gedanken darüber machen, was du als nächstes tust? Ja, aber erst, wenn du mit dem Tun anfängst. Solange du noch im Nichtstun bist, solltest du im Nichtstun sein. Und wenn du dann im Tun bist, solltest du im Tun sein. In Wahrheit aber überlegst du auch im Tun bereits, was als nächstes auf dich zukommt. Ist es nicht so?

Ja, ich weiß, ich hab recht. Und so sind die warmen Monate ohne dich vergangen. Jetzt bist du wehmütig, weil du sie verpasst hast und bist damit wieder im Gestern.

Schön, dass du das ändern möchtest! Den Herbst wirst du genießen? Befindest du dich nicht gerade wieder im Morgen?

Du lachst? Fein! Jetzt bist du hier!

© Danny Lupp / www.himmelsrichtung.net

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Aufmachen

Thema: Herzöffnung

Dunkel ist es und kalt, farblos und unmöbliert. Mein Herz fühlt sich schwer und traurig an und meine innere Stimme sagt: „Mach auf.“ Da ist mir klar, dass mich diese Meditation in meinen Herzraum geführt hat. „Licht“, flüstere ich und es wird hell. Was ist passiert? Ich weiß, dass das Zimmer meiner Kindheit bunt, voller Spielsachen und offen war. Wann hab ich angefangen, alles auszuräumen und zuzumachen?

„Es ist Zeit“, sage ich zu mir, male die Wände hellblau an und stelle ein gemütliches Sofa neben ein Wandregal voller Bücher. Auf der anderen Seite des Zimmers schwimmen nun bunte Fische in einem Aquarium. Ich hänge ein Poster mit zwei süßen Kaninchen an die Wand, dann noch ein flauschiger Teppich und ein paar Zimmerpflanzen und der Raum wirkt sofort gemütlich. Wäre es nicht schön, das mit jemand anderem zu teilen? Bin ich schon mutig genug? Vorsichtig öffne ich Fenster und Fensterläden und lasse frische Luft herein. Da keine Gefahr hereinspringt wie ein wilder Löwe und sich das Tageslicht so gut anfühlt, entferne ich sogar die schweren Eisenketten von der Türe, doch vor dem Rausgehen habe ich noch Angst. Deshalb baue ich einen Zaun, pflanze Rosen und lege einen Hund vor das Tor, der mich warnt, wenn sich ein Fremder nähert. Jetzt traue ich mich sogar in den Garten und kann die Sonnenstrahlen genießen.

Ich öffne die Augen wieder und befinde mich in meinem Schlafzimmer. Eine wohlige Wärme strahlt in meiner Brust und ich muss lächeln, denn ich hab aufgemacht.

© Danny Lupp / www.himmelsrichtung.net

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Begegnung mit dem inneren Wolf

Thema: Angst

Melissa wachte nachts wieder mit heftig klopfendem Herzen auf. Sie stand in ihrem Leben an einer Weggabelung und konnte nicht sehen, wie es weitergeht. Sie wusste bereits, an Einschlafen war nicht mehr zu denken. Was hatte der Lebensberater gesagt? Gefühle zulassen.

Melissa schloss die Augen und bemühte sich, so tief wie möglich zu atmen. Es schien ewig zu dauern, bis sie mit dem Hin- und Herwälzen aufhören konnte, doch dann fand sie die Angst in ihrem Körper. Sie saß in Hals und Brust. Plötzlich sah sie sich an einem kleinen See stehen. Am anderen Ufer war ein Wolf.

„Weißt du, wer ich bin?“, fragte dieser.

„Meine Angst?“

„Ich bin dein Erfolg oder dein Misserfolg.“

Das Mädchen verstand nicht.

„Komm her. Traust du dich?“, meinte das Tier.

Melissa betrat zaghaft die Brücke. Als sie näher kam, erkannte sie, dass es sogar ein ganzes Rudel war. Sie zögerte.

„Was denkst du? Sind wir zahm oder gefährlich?“

Sie ging langsam weiter, bis sie sich inmitten der Raubtiere befand. Diese fletschten die Zähne und sie fühlte starke Furcht.

„Nein!“, sagte sie laut. „Ich hab keine Angst. Ihr habt Hunger und entweder ich füttere euch oder ihr fresst mich.“ Sofort setzten sich die Tiere wie artige Hunde hin und warteten, bis Melissa ihnen zu essen gab.
Dann sagte der Anführer: „Siehst du, wenn du zuversichtlich bist, ist alles gut. Wenn du Angst hast, dann zerfleischt sie dich.“

„Ich verstehe“, antwortete Melissa innerlich viel ruhiger. „Meine Einstellung ist der Schlüssel.“ Dann schlief sie doch wieder ein.

© Danny Lupp / www.himmelsrichtung.net

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Warten auf die Zeit

Thema: Depression

Es ist ein Tag wie schon so viele zuvor. Sie erwacht in ihrem Bett und bleibt einfach liegen. Die Schwere in ihr gestattet ihr nicht aufzustehen. Nochmal einschlafen wäre schön. Dabei vergehen die Stunden und irgendwann kommt die Zeit, wo sie wieder leben kann, wenn sie nur geduldig wartet. Und sie wird hier sein, genau hier, wenn diese Zeit kommt. Doch wie lange muss sie noch warten? Wie lange wartet sie schon? Alles hat langsam begonnen, über viele Jahre und Ereignisse, die alle noch in ihr stecken und auf Befreiung hoffen.

Ein winziger Teil von ihr möchte das nicht mehr, ist der Müdigkeit müde, der Überdrüssigkeit überdrüssig. Ganz tief in ihrem Inneren ist sie bereit, der Zeit entgegen zu gehen.

„Wann ist es vorbei?“, fragt sie sich, die Augen geschlossen und bereit, wieder in einer Traumwelt zu verschwinden.

Während sie das denkt, sieht sie ein Meer vor sich. Es ist ruhig und weit. Sie rudert hinaus und schon bald kann sie den Strand nicht mehr sehen. Sie ist nur noch umgeben von dunkelblauem, fast schwarzem Meer, das sich scheinbar nicht bewegt. Als ihre Arme vom Rudern erschöpft sind, hält sie an, lehnt sich über den Rand und blickt ins Wasser. Sie fühlt, das alles sind ihre Tränen – die geweinten und die zurückgehaltenen. Sie sieht genauer hin und Szenen aus ihrem Leben tauchen blitzartig auf. Auf einmal beginnt das so ruhige Meer, sich zu regen. Zuerst sind es nur kleine Wellen, doch je tiefer sie hinein blickt, desto tosender wird es. Sie muss sich festhalten, um nicht zu fallen. Soll sie lieber wieder wegsehen? Nein, das hat sie lang genug getan. Vielleicht ist es auch nur ihre Neugierde, denn bereits vergessene Augenblicke zeigen sich und auch, wenn dieses aufbrausende Wasser ihre alten Gefühle wieder hochschwemmt, tut es doch auf eine merkwürdige Art gut, denn Regungslosigkeit ist dem Tod näher als dem Leben. All die alten traurigen und enttäuschenden Erlebnisse, die kräfteraubenden und frustrierenden, und all die Momente, in denen sie sich machtlos gefühlt und geschämt hat, spritzt ihr das Wasser ins Gesicht und in die Erinnerung.

Erst, als das Meer sich wieder beruhigt, hört sie auf, es anzustarren. Auch in ihr ist nun Stille.

„Zeit, ich habe dich gefunden“, sagt sie und fühlt sich auf einmal seltsam erleichtert, als hätte sie dieser Tsunami der Gefühle innerlich gereinigt und die Lasten weggespült.

Und dann tut sie etwas, das sie schon sehr lange nicht mehr gemacht hat – sie hebt den Kopf, sieht auf - und sie ist überrascht, denn die Sonne scheint – sanft und unaufdringlich. Der Himmel ist hellblau und ein paar Wölkchen ahmen lächelnde Gesichter nach. Zum ersten Mal wird ihr bewusst, dass selbst das weiteste und dunkelste Meer aus Tränen die Sonne nicht vom Scheinen abhalten kann. Sie hat sich nur lange entschieden, sie nicht zu bemerken.

Sie macht die Augen wieder auf und weiß nicht, ob sie geschlafen oder nur geträumt hat, aber sie steht auf, öffnet das Fenster und lässt das Leben herein.

© Danny Lupp / www.himmelsrichtung.net

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Abschied

Thema: Partnerschaft, Loslassen

Du stehst mir gegenüber und mein Herz klopft, als wären wir uns gerade zum ersten Mal begegnet. Traurig bin ich und doch auch gespannt, wohin mich die Zukunft nun führt.

„Ich hab gehofft, der Tag würde nie kommen“, flüstere ich.

Du beugst dich zu mir und dein Kuss hat noch nie süßer geschmeckt. Ich halte für diesen Moment die Zeit an, um nichts zu verpassen. Jetzt wünschte ich, ich hätte jede Sekunde mit dir so achtsam verbracht.

„Es ist schön, dass wir so friedlich auseinander gehen können“, sagst du dann und drückst mich fest an dich. Ich spüre jeden Muskel von dir und weiß genau, wie sich deine Haut unter deinem Pullover anfühlt. Ich glaube, es ist mir noch nicht bewusst, dass es das letzte Mal ist, dass ich deinen Duft so tief einsaugen kann, dass mir fast schwindlig wird. Schon lange habe ich keine Berührung von dir mehr so genossen.

„Versprich mir“, hab ich am Anfang unserer Beziehung zu dir gesagt. „Wenn es für einen von uns wichtiger ist, etwas anderes zu tun als zusammen zu sein, dann trennen wir uns. Friedlich und freundschaftlich.“

„Lieber loslassen als einschränken“, hast du damals geantwortet.

Jetzt lächelst du. Ich weiß, dass du das gleiche Wechselspiel der Gefühle hast wie ich, denn ich kenne dich so gut. Ich wünsche dir nur das Beste und begreife in dem Moment, dass es wahre Liebe ist, die freilässt und beim Abschied das Tor für einen Neuanfang offen lässt.

© Danny Lupp / www.himmelsrichtung.net

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