Der Nebel der Angst

DER NEBEL DER ANGST

Was ist Angst? Und was bewirkt sie?

Letzte Nacht verließ ich meinen Körper und schwebte hinauf, immer höher, die dunklen Häuserspitzen und die Baumwipfel sehend, die schnell kleiner wurden. Bald sah ich nur mehr ein paar Stadtlichter, immer schwächer werdend bis sie ganz erloschen und ich mich inmitten von grauen Wolkenfetzen wiederfand.

Aber auch diese ließ ich schnell hinter mir, so wie die gesamte Erde, die ich kurz von oben betrachtete, weiterhin ohne anzuhalten.

Erst, als ich mich in einem dichten Nebel verfing, fand mein Entschweben ein Ende. Er war schmutzigweiß, zäh und sehr unangenehm. Ich bekam keine Luft und Bewegungen fielen mir schwer.

Ist das die Ozonschicht?, war mein erster Gedanke, doch noch bevor ich diesen Satz beendet hatte, schämte ich mich ein wenig für die naive Frage, denn wahrscheinlich sah diese ganz anders aus.

Aber das interessierte mich sogleich nicht mehr, denn ich wusste plötzlich, was dieser Nebel zu bedeuten hatte. Die Erklärung war einfach in meinen Kopf gesprungen, als wäre dieser offen und ließe Aussagen von außen gemütlich herein spazieren.

Es war der Nebel der Angst, den die Menschheit verursachte -  wie den anderen Müll, den sie auf, unter und über der Erde ablud.

Der Nebel schien kein Ende zu haben. Egal, in welche Richtung ich mich mühsam bewegte, ich konnte ihm nicht entkommen, und bald wusste ich nicht mal mehr, wo oben und unten war.

Ein schreckliches Gefühl überfiel mich, denn ich hatte Angst, nie wieder aus dieser stickigen Luft herauszufinden. In meinem Kopf ratterte es und alle möglichen Fluchtideen erschienen darin, doch noch bevor ich eine davon genauer überprüfen konnte, meldete sich mein Innerstes wieder: Das ist keine Angst!

Ich wunderte mich kurz über diese Aussage, verstand jedoch im gleichen Augenblick den Grund.

Angst lähmt, nimmt Luft und verhindert Denken. Angst kommt stets aus der Vergangenheit und bezieht sich immer auf die Zukunft. Es sind Erfahrungen, die man selbst gemacht oder von anderen gehört hat und die nichts weiter sind als Schatten alter Wunden, die man mit sich trägt, obwohl sie längst geheilt sind. Diese Erinnerungen bringen uns dazu, uns vor etwas zu fürchten, das noch nicht eingetroffen ist. Wir haben Angst, dass uns das Ungewisse auswählt und angreift.

Ich war erstaunt über diese Erkenntnis, fand sie jedoch sofort logisch, und mir schossen auch gleich Beispiele in den Sinn, als würde sie mir jemand zuflüstern.

Sieh dir eine Krankheit an – wenn du sie hast, hast du keine Angst davor. Dann hast du Angst vor dem Verschlimmern oder Bleiben der Krankheit oder vor dem Tod.

Sieh dir die Arbeitslosigkeit an – wenn du sie hast, hast du keine Angst davor. Dann hast du Angst, nicht mehr ins Arbeitsleben zu finden, arm zu werden oder gar obdachlos.

Ich begriff, dass es in der Gegenwart keine Angst gibt. Passiert gerade etwas Furchtbares, dann hat man keine Zeit für Angst. Man sucht stattdessen nach einem Ausweg. Solange man denken und ausprobieren kann, ist es keine Angst, weil sie uns Konzentration und Kraft entziehen und uns hilflos machen würde.

Aber was ist es dann, das man in dem Moment fühlt?

Man könnte sagen: Es ist Erfahrung – oder Leben -, denn Leben spielt sich nur in der Gegenwart ab, niemals in der Vergangenheit und schon gar nicht in der Zukunft. Es geschehen Ereignisse, die zum Leben gehören und vor denen man vielleicht in der Vergangenheit Angst hatte.

Ich war so gefesselt von diesen Erkenntnissen, die von irgendwo herkamen und mich erwählt zu haben schienen, dass ich gar nicht mehr an Flucht denken konnte. Ich hörte nur noch gespannt meinen Gedanken zu, die in Wahrheit nicht aus meinem Kopf, sondern aus meinem Herzen kamen, denn denken kann nie so weise sein wie fühlen.

Deshalb – schlussfolgerte ich – ist es sinnlos, Angst zu haben, weil sie nie real sein kann.

Und doch wird sie es, wenn die Menschen einen dichten Schleier über die Welt legen, der Licht und Wärme abwehrt, uns schützt vor freier Beweglichkeit und ungebremstem Denken und die Angst konserviert, um sie nicht entweichen zu lassen.

Niemals verhindert sie das Eintreffen der gefürchteten Ereignisse, sondern macht sie magnetisch, um genau das anzuziehen, was man nicht möchte. Schließlich passen sich Ausstrahlung, Handeln und sogar Gefühle gehorsam dem Denken an.

Aber was konnte ich nun tun mit diesem Wissen? Angst ist etwas, das wir uns brav angeeignet haben und wie ein bequemes Paar Schuhe nicht mehr hergeben wollen. Die meisten verteidigen sie kampfeslustig vor Eindringlingen, die ihnen zeigen könnten, dass sie unbegründet ist. Sie sind immun gegen vernünftige Argumente.

Aber ich könnte meine Erfahrung niederschreiben – sofern ich je wieder aus dem nebligen Furchtlabyrinth herausfinden würde. Auch, wenn es nur wenige lesen und noch weniger begreifen, hilft es der Menschheit schon, wenn ein paar ihre Angst ablegen und damit winzige Löcher in den Schleier treiben, um die dichte Nebelsuppe kleinweise aufzureißen.

Wer die Welt verändern möchte, sollte die Veränderung leben – schoss es mir durch den Kopf. Denn Angst kann ansteckend sein, aber Furchtlosigkeit noch mehr.

Ich sah mich um und dachte: Okay, ich habe keine Angst, nicht mehr aus dem Nebel herauszufinden, aber wie finde ich nun aus dem Nebel heraus? Ich lachte über diese Ironie und da Lachen der große Feind der Angst ist, löste es alle Anspannungen in mir, und immer dann, wenn wir die Angst gehen lassen, öffnet sich vor uns ein Ausweg, der wahrscheinlich immer da war, jedoch im Nebel verborgen lag. Ich nahm ihn, in dem ich mir selbst befahl, sofort in meinen Körper zurück zu kehren.

© Danny Lupp / www.himmelsrichtung.net